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Jede Zeit ist Reifezeit
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Beziehungen
Jede Zeit ist Reifezeit

Wie Klein und Groß miteinander wachsen

Ulrike Müller
Dipl. Sozialpädagogin
Marne, D

Es gibt große und kleine Menschen. Große tragen Krawatte, kleine einen Schokomund. Große lieben Terminkalender, kleine Menschen Einhorn-Pflaster. Beide leben in zwei Welten und stecken doch unter einer Decke.

Im Supermarkt

Eine Mutter bittet ihren 3-Jährigen: «Hol bitte eine Packung Spaghetti!». Er flitzt los, steht vor den Nudeln und zieht die unterste Packung aus dem Stapel. Ein Dino schmunzelt ihm dort zu. Acht Pakete purzeln auf den Boden. Kurzes Erschrecken. Drei Päckchen stopft der Junge zurück, dann rennt er schnell weg. Ich beseitige die Unordnung. Die Mutter wählt gerade einen Käse. Sie sagt unwirsch: «Das sind Spirelli. Bring die langen Spaghetti!» Der Knirps weigert sich. Verlangt plötzlich einen Kinderjoghurt. «Nein», ist die Antwort. Der Junge weint laut auf. Ich denke: Wer von beiden ist hier eigentlich in der Schule des Lebens?

Durchs Leben pilgern

Ich bewundere Pilger. Sie laufen 30 bis 40 Kilometer, weil Laufen glücklich machen kann. Vielleicht ist das ganze Leben ein «Miteinander-Laufen»? An vielen Dingen müssen wir wachsen: An Partnern, Familie, Freunden, Ausbildungen, Berufen, Arbeitsplätzen, Wohnorten. Wir bleiben niemals stehen. Wenn wir ein Leben lang wachsen, ist das Wachsen keine Vorbereitung auf das Leben, sondern das Leben selbst. Kinder machen uns das bewusst. Jedes Jahr schaut uns ein verändertes Kind an. Es lässt zurück, was es einmal war: Stillkind, Krabbelkind, Fragekind, Wirbelwind. Wer mit Kindern «läuft», merkt, wie sie uns voranziehen.

Nicht fertig und doch perfekt

Obwohl wir unterwegs und immer unfertig sind, kann man auch jede Lebensphase als vollkommen betrachten. Schauen wir einen Einjährigen an, der die ersten Schritte macht. Er ist perfekt. Oder einen Abc-Schützen, der in der Schule aufgeregt seinen Finger hebt. Er ist vollkommen. Kinder leben mit ganz besonderen Gaben. Manche Unfähigkeiten können wir genauso als Fähigkeiten sehen: das vertrauensvolle Sein, das Leben im Moment, die intensive Selbstbehauptung, das endlose Fragen und Forschen, die unendliche Vorstellungkraft. Das sind Gaben, die uns nie wirklich verloren gehen. Wer mit Kindern spielt, durchnässt im Regen tanzt und durchgekitzelt aufs Sofa sinkt, dem wird klar, wie viel Kindheit in ihm steckt.

Ins Leben eintauchen

Ein Knirps schiebt seine kleine Hand in unsere. Er teilt mit: Ich vertraue dir. Ein Baby lächelt uns an. Es bekundet: Ich mag, was ich sehe. Bei den Kleinsten begegnen wir einer Welt ohne Sprache. Schwer vorstellbar, denn wir denken in Worten. Alles wird durch Sprache geordnet. Doch das Erleben jenseits aller Worte bleibt uns. Es ist die ursprünglichste Form unseres Daseins. Zuerst gab es die Erfahrung, dann das Wort. Babys leben sehr intensiv. Sie nehmen auf, spüren, hören, lernen, protestieren, genießen, fühlen. Manchmal nehmen wir uns vor, intensiver zu leben. Vielleicht meinen wir das, was Babys uns vormachen: Das Herz öffnen, ohne an Gestern oder Morgen zu denken. Die Fußsohlen wahrnehmen. Vom Wind streicheln lassen. Menschen anlächeln. In Musik eintauchen. Die Weite des Himmels trinken. Dem Heute vertrauen. Ohne Worte.

 

 

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