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Die Heilkraft der Vergebung
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Beziehungen
Die Heilkraft der Vergebung

Dr. med. Ruedi Brodbeck
Facharzt für Allgemeine Innere Medizin FMH, Psychosomatische und Psychosoziale Medizin SAPPM, Diplom für Biblische Theologie und Pastoralarbeit
Alchenflüh, CH

Das Leben ist schwierig. Es gelingt nicht einfach automatisch. Es gehört zur Realität jedes Menschen, dass er verletzt oder gekränkt wird. Manchmal geschieht dies ohne Absicht, und trotzdem tut es weh. Ein Psychotherapeut hat diese Beobachtung folgendermaßen wiedergegeben: «Viele Patienten schleppen jahrelang nicht verheilte seelische Wunden mit sich herum, die ihnen von Verwandten oder Freunden meist ohne böse Absicht, eher in Gedankenlosigkeit oder Angst zugefügt wurden.»

Bewusster Umgang ist gefragt

Besitz, Ehre und Lust sind die drei klassischen Bereiche, wo Kränkung geschieht. Mit Kränkungen kann man unterschiedlich umgehen: Verdrängung, Abspaltung, Amnesie können z. B. die Bedeutung der traumatischen Erfahrung für das eigene Leben verdecken. Seelische Verletzungen, mit denen wir nicht bewusst umgehen, beeinflussen uns unbewusst. Was kränkt, macht krank, sowohl den Betroffenen wie auch seine Beziehungen.

Krankheit und Beziehungsstörungen können viele Ursachen haben. Oft sind sie multifaktoriell bedingt, d.h. mehrere Ursachen wirken an der Entstehung mit. Eine häufige Ursache wird allerdings oft nicht beachtet: Unvergebenheit – der Zustand fehlender Vergebung.

Seit Jahrtausenden (vgl. Psalm 32) ist der Zusammenhang zwischen Sünde/Schuld (oder eben Unvergebenheit) und Krankheit bekannt. Indem Jesus (Markus 2,1ff.) einem Gelähmten zuerst Vergebung seiner Schuld zuspricht, bevor er ihn heilt, weist er auf die heilende Wirkung von Vergebung hin.

Wissenschaftlich erforscht

Erst seit wenigen Jahrzehnten wird Vergebung wissenschaftlich erforscht. Nicht zu vergeben, bedeutet, ärgerlich, wütend und verletzt zu bleiben. Dies setzt unseren Körper anhaltend einem erhöhten Stresspegel aus, was mit einem erhöhten Blutdruck, einer erhöhten Muskelspannung und anderen körperlichen Auswirkungen sowie einem erhöhten Risiko für seelische Erkrankungen einhergeht. Unsere Gedanken und Gefühle werden durch Vergebung oder Nichtvergebung beeinflusst, und sie beeinflussen ihrerseits verschiedene Körpersysteme wie Nerven, Hormone und das Immunsystem entweder in Richtung Gesundheit oder Krankheit.

Eine vor wenigen Jahren in den USA durchgeführte repräsentative Untersuchung an über 43ʼ000 Teilnehmenden hat ergeben, dass Menschen, die entweder sehr lange brauchen, um jemandem vergeben zu können, und/oder die gegenüber vielen Menschen nicht vergeben konnten, im letzten Jahr vor der Untersuchung deutlich häufiger wegen Krankheiten behandelt werden mussten. Herzkrankheiten wurden 1.5 bis 2 Mal so häufig beobachtet, psychische Störungen wie Depressionen, Phobien, Angst- und Panikstörungen waren gar 2–6 Mal so oft.

Die heilende Wirkung von Vergebung wurde durch verschiedene Untersuchungen belegt. Vergebung kann das allgemeine Wohlbefinden steigern, Schmerzen lindern, den Verlauf von Herzkrankheiten günstig beeinflussen, Symptome von posttraumatischen Belastungsstörungen verringern, den Erfolg bei Paartherapien verbessern und sterbenden Patienten helfen, mit Ärger umzugehen und damit ihre Hoffnung und Lebensqualität stärken. Vergebung ist dabei hilfreich für ältere und jüngere Menschen, für Katholiken und Protestanten, bei körperlichen, sozialen und seelischen Problemen. Die Wirkung ist unabhängig vom Geschlecht und wohl auch unabhängig von der vorliegenden Erkrankung.

Vergebung betrifft Täter und Opfer

In seinem Mustergebet verknüpft Jesus die Bitte um Vergebung mit unserer Bereitschaft, selber zu vergeben. Wir sollen weder unsere eigene Schuld mit uns herumschleppen, noch die Schuld anderer nachtragen. Schuld begünstigt Krankheit nicht nur dort, wo wir schuldig geworden sind und als «Täter» selber der Vergebung bedürfen, sondern auch dort, wo andere an uns schuldig geworden sind und wir als «Opfer» zur Vergebung herausgefordert sind.

 

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